Die Geschichte des Rudolf Steiner Hauses Hamburg

Die Vorgeschichte des Rudolf Steiner Hauses Hamburg reicht bis in das Jahr 1898 zurück, als am Karfreitag von Hamburger Kaufleuten ein Zweig der englischen Theosophical Society in Hamburg gegründet wurde. Er schloss sich 1902 mit neun anderen Zweigen zu einer deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zusammen. Rudolf Steiner, den man in Hamburg im Sommer 1901 mit einem Vortrag über die Esoterik in Goethes Faust erstmals kennen gelernt hatte, trat 1902 an die Spitze der jungen geistigen Bewegung. Die sich stürmisch entwickelnde Gesellschaft machte sich 1912 als Anthroposophische Gesellschaft selbständig, um den christlichen Charakter ihres Geisteslebens bewahren zu können.

Schon frühzeitig entstand der Wunsch, Räume zu beziehen, deren Formen nicht von Vergangenheitszitaten lebten, sondern unmittelbar den Geist einer neuen Zeit atmeten. Nachdem man zunächst in den schönen gothisierenden Räumen des Patriotischen Gebäudes gearbeitet hatte, konnte am 10.11.1911 ein Raum im Curiohaus bezogen werden, das damals vor allem Künstler beherbergte. Von der Eröffnungsrede Rudolf Steiners ist keine Nachschrift erhalten. Für größere Veranstaltungen musste weiterhin auf zusätzlich gemietete Säle ausgewichen werden. So hielt Rudolf Steiner z.B. wenige Wochen nach Ausbruch des 1. Weltkriegs im großen Saal des Conventgartens einen Vortrag zugunsten des Roten Kreuzes über das Volk Schillers und Fichtes.

Das Ende des ersten Weltkriegs wurde von einer Revolution begleitet, die von Kiel ausgehend Hamburg am 6. November 1918 erreichte und bis in den Juli 1919 der Stadt eine gesetzlose Zeit bescherte. Mitten in dieser Zeit gründeten am 9.2.1919 einzelne Anthroposophen den Bau-Verein Hamburger Anthroposophen. In ihm schlossen sich eine Reihe von jüngeren Anthroposophen zusammen, die ihren Traum eines eigenen Hauses verwirklichten, obwohl die eigentliche Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft nicht den Mut hatte das Projekt anzupacken. Wenige Tage nach der Gründung wurde der Verein bereits Eigentümer des Hauses Holzdamm 34. Nachdem im Sommer 1919 die Anthroposophen mit eigener Hand die Räume bezugsfertig gemacht hatten, konnten sie am 19.11.1919 bezogen werden. Der führende Kopf der Bauwilligen, der Geiger Louis Werbeck, hatte mit seiner Frau Walborg Svärdström das Obergeschoß des Hauses bezogen. Frau Svärdström, eine damals in ganz Europa bekannte Sängerin hatte zur Eröffnung des ersten "Rudolf Steiner Hauses", das allerdings den Namen noch nicht trug, ein Konzert im großen Saal des Conventgartens gegeben, für das Freikarten verteilt wurden. Seit etwa 1912 waren zu den Kaufleuten zunehmend Künstler hinzugestoßen.

Unter Louis Werbecks künstlerisch genialer Leitung wuchs die Anthroposophische Gesellschaft in Hamburg in alle Bereiche der Bevölkerung. Jeden Tag gab es Kurse zu den Grundfragen der Geisteswissenschaft. Aber auch Arbeiterausschüsse tagten im Haus - und der "Volks-Chor". Werbeck war das Herz der Bewegung für Dreigliederung des sozialen Organismus, der eine menschenwürdige Sozialordnung jenseits von Kapitalismus und Sozialismus anstrebte. Bis 1921 verfünffachte sich die Zahl der Mitglieder auf über 500. So wurde das Haus innerhalb weniger Jahre erneut zu klein. In den zwanziger Jahren entstanden eine größere Zahl von künstlerischen Ausbildungsstätten, die das Haus mitbenutzten und schließlich das Anthroposophische Seminar, in dem die Befruchtung des wissenschaftlichen Lebens aus der Anthroposophie versucht wurde.

Im Frühjahr 1930 konnte das langgesuchte größere Haus von der jüdischen Bnai Brith-Loge in der Hartungstraße 9 gekauft werden, die heutigen Kammerspiele. Die Bnai-Brith-Loge hatte in der Weltwirtschaftskrise 1928/29 ihr Vermögen verloren und konnte das Haus nicht mehr halten. Da das Haus groß genug war, konnten zunächst einige jüdische Einrichtungen weiter im Hause arbeiten, waren aber nun Mieter bei dem neuen Besitzer. Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten wurde die sogenannte "Ägyptische Szene" aus einem Mysteriendrama Rudolf Steiners gespielt. Der Schweizer Dichter Albert Steffen, damals Vorsitzender der Anthroposophischen Weltgesellschaft, hielt einen Vortrag.

Hamburger Kammerspiele
Hamburger Kammerspiele

Die nächsten Jahre waren durch die intensive öffentliche Vortragstätigkeit des Biologen Dr. Hermann Poppelbaum geprägt. Er gab sich redliche Mühe, die innere geistige Unabhängigkeit von dem die äußere Gewalt an sich reißenden nationalsozialistischen Verbrechertum zu bewahren. Am 9. November 1935 wurde Hermann Poppelbaum als dem deutschen Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft das polizeiliche Verbot in der Hartungstraße übergeben. Sie sei nicht national sondern international eingestellt, ihr Individualismus widerspräche dem völkischen Gedanken und sie unterhalte "noch heute" Beziehungen zu ausländischen Freimaurern, Juden und Pazifisten. Wenige Tage später gaben die Zeitungen das Verbot bekannt. Gleichzeitig berichteten sie, dass die Übergangsfrist für die Gleichschaltung nun abgelaufen sei.

Dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft folgte das Verbot aller anthroposophischen Einrichtungen, die als potentielle Tarnorganisationen der Anthroposophischen Gesellschaft angesehen wurden. Dieses Schicksal teilte auch der Bau-Verein Hamburger Anthroposophen. Das enteignete Haus wurde einer jüdischen Zwangsgemeinschaft zur Nutzung als Kulturhaus übergeben. Max Warburgs Worte zur Neueröffnung des Hauses als "Jüdisches Gemeinschaftshaus in Hamburg" am 9.1.1938 machen deutlich, dass er dem Theater für die jüdische Gemeinschaft in dieser schwersten Prüfung jene Rolle zubilligte, die Schiller vorschwebte. Warburg sagte: "Wir appellieren nicht an die Welt des Scheins, sondern an jene tiefere Wahrheit, die der Künstler gestaltet und lebendig macht. Wer diese Wahrheit empfindet, wird frei. So ist uns Theater eine moralische Kraftquelle."
Über die bedeutende Rolle, die das Haus unter der Leitung von Ida Ehre nach dem Krieg für die kulturelle Wiedergeburt nach dem Kriege gespielt hat, informiert das Buch von Ulrich Tukur über die Kammerspiele.

Ende Oktober 1945, sechs Monate nach Beendigung des zweiten Weltkriegs, erhielt die Anthroposophische Gesellschaft die Erlaubnis, ihre "activities in Hansestadt Hamburg" zunächst in der Johnsallee 2, wieder aufzunehmen. Die Lehrerin Paula Dieterich, deren Verhandlungsgeschick zu diesem Erfolg geführt hatte, gründete zwei Jahre später, am 11.6.1947 auch den Bau-Verein neu. Baupläne waren nötig geworden aufgrund der intensiven Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft an der Universität und in der Öffentlichkeit. Die Anthroposophische Gesellschaft wuchs erneut sehr schnell. Öffentliche Anthroposophische Arbeitswochen wurden an der Universität durchgeführt die vierzehn Tage lang Abend für Abend bis zu 600 Teilnehmer anzogen. Die Orientierungslosigkeit nach dem verlorenen Krieg und dem Erwachen aus dem Rassenwahn öffnete vielen Menschen das Herz. Die Entschädigungssumme, die der Verein nach zähen Verhandlungen mit der Stadt sechs Jahre später für das Haus in der Hartungstraße erhielt, war die Voraussetzung für die Weiterverfolgung des Bauimpulses. Noch im selben Jahr konnte ein Grundstück mit einer 600 m2 großen Reithalle erworben werden. Die Pläne für das am Mittelweg 111a zu errichtende Gebäude sahen einen Saal für 1200 Personen vor. Die Umbauarbeiten hatten schon begonnen, da wurde die Halle dem Bau-Verein durch staatliche Enteignung wieder genommen, weil dort eine Schule errichtet werden sollte.
Wieder mußte jahrelang mit den Behörden über den Preis für das enteignete Haus verhandelt werden. 1957 konnten die Häuser Mittelweg 11 und 12 erworben werden. Paula Dieterich hatte die Häuser selbst gefunden, indem sie durch die Strassen ging und Fenster ohne Vorhänge suchte. Beide Häuser wurden durch den Einbau eines großen Saales zu einem Gebäude vereinigt, das Ende 1962 unter Beisein des damaligen Kultursenators Biermann-Ratjen eingeweiht wurde.

Bis in die 70er Jahre hinein war das Rudolf Steiner Haus vornehmlich den Anthroposophen für ihre internen Treffen und öffentlichen Tagungen vorbehalten. Dann wandte sich das Interesse der Öffentlichkeit stärker den vielen praktischen Ergebnissen der Anthroposophie in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, in der anthroposophisch erweiterten Medizin, in der Waldorfpädagogik und Kunst zu. Das Haus wurde dadurch von der Öffentlichkeit mit anderen Augen wahrgenommen. Das verstärkte sich nach dem Einzug der Eurythmieschule. Bald gründeten die Lehrer der Schule ein Bühnenensemble, das erfolgreiche Tourneen durchführen konnte, aber zusätzliche Räume benötigte. Das Rudolf Steiner Haus war in dieser Zeit der Schauplatz enthusiastisch gefeierter Eurythmieaufführungen unter der Leitung von Carina Schmid, die heute das Ensemble an der größten anthroposophischen Bühne in Dornach leitet. Eine anthroposophische Schauspielgruppe, geleitet von dem Schauspieler-Ehepaar Lore und Frank von Zeska zogen ebenfalls viele Besucher ins Haus. Viele Jahre lang waren die Einführungskurse des charmanten Wieners die Visitenkarte der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber der Öffentlichkeit.
Das Musikseminar Hamburg, das Lehrerseminar für Waldorfpädagogik und andere Initiativen begannen ebenfalls im Rudolf Steiner Haus ihre Tätigkeit. Neben dieser künstlerischen Arbeit fand eine Fülle von Themenseminaren statt, deren Leiter zugleich verantwortlich für die Anthroposophische Gesellschaft waren. Es handelte sich um die Lehrerin Dr. Paula Dieterich, den Arzt Dr. Julius Solti und den Philosophen Dr. Hans Börnsen. Dieses Gespann lenkte die Geschicke der Anthroposophischen Gesellschaft und des Bau-Vereins.
Um den wachsenden Anforderungen nach Räumen für die Eurythmie Schule, die zeitweilig über 100 Schüler hatte, nachzukommen, wurde das Rudolf Steiner Haus in den 80er Jahren durch moderne Anbauten an der Gartenseite des Gebäudes erweitert, wobei der Gartencharakter des rückwärtigen Grundstücks erhalten blieb.

Mitte der 90er Jahre gab eine notwendig gewordene Asbestsanierung den Anstoß, das Rudolf Steiner Haus erneut grundlegend technisch, funktionell und gestalterisch zu modernisieren. Neben diesem Anspruch spielte allerdings erneut der Impuls eine Hauptrolle, zu menschengemäßen Architekturformen zu kommen. So erhielt das Haus seine heutige Gestalt. Renovierung und Umbau des aus dem 19.Jahrhundert stammenden Gebäudes erwiesen sich als unerwartet aufwändig. Sie fordern bis heute von den Mitgliedern beträchtliche persönliche und finanzielle Opfer. Dank vielfältiger Anstrengungen gelang es jedoch, ein ansprechendes Veranstaltungs- und Kulturhaus zu verwirklichen, das sich heute deutlich sichtbar zur Straße hin öffnet. Fühlen Sie sich willkommen!